Simple Plan
Die Monster von Bordeaux

Nadine Buckley alias Loanna la Turléteuch (Ich-Erzählerin)
Nadine Reichenberger alias Eleonore de Cazeron
Sabrina Berle alias Camille de Cazeron
Simone Bauer alias Ginevra de Cazeron
und Christina Grünbeck alias Beatrice la Turléteuch

Eleonore zog mich durch ihr Schloss in Bordeaux. Sie zog mich durch ein Labyrinth aus Korridoren und Treppen, die prächtig ausgestattet waren. Dann blieb sie mit einer feierlichen Geste vor einer Tür stehen und stieß ehr-erbietig die schwere Holztür auf. Wie eine Dienerin verbeugte sie sich vor mir und ließ mich eintreten. Mit offe-nem Mund blickte ich in das riesige Zimmer, das nichts gemeinsam hatte mit meinem alten Zimmer in Paris.

Ich war zwar reich und besaß, genau wie die de Cazeron, ein Schloss, doch etwas Derartiges hatte ich noch nie gesehen. Obwohl wir das Jahr 1356 nach Christus schreiben, sind die de Cazeron ziemlich ihrer Zeit voraus, genau wie die la Turléteuch. Deshalb schickte mein Vater mich und meine Schwester Beatrice zum Schloss der de Cazeron.

Das Zimmer war ein Ort des guten Geschmacks und der Behaglichkeit. Mitten im Raum ragte ein enormes, hohes Bett, dessen mit Adler- und Schlagenmotiven geschnitzte Pfosten sich über den Querbalken zu einem hölzernen Blumenstrauß verbanden. Wandteppiche mit höfischen Szenen in warmen Farben schmückten die Wände.
Auf dem Boden war sorgfältig ein Karoteppich ausgelegt. Er spiegelte sich in einer Silbervase, die auf dem Fri-siertisch mit Spiegel stand und aus der Truhe mit offenem Deckel quollen Kleider und Hauben aus Samt und Spitze, Seide und Edelsteinen hervor. Nie zuvor hatte ich eine Solche Pracht gesehen.
Ich verstand, dass ich mich nicht mit ihnen messen konnte.

Obwohl ich erst vierzehn Jahre alt war, hatte mich mein Vater schon verlobt. Mit einem Mann, im alter von fünfundzwanzig. Meine Schwester ist auch verlobt. Besser gesagt, meine Zwillingsschwester ist mit dem Bruder meines Mannes, meines zukünftigen Mannes verlobt. Also mit ihrem Schwager. Doch wir haben uns damit ab-gefunden. Es diente zum weiteren Bestehen der Familie und des Hab und Gutes.

"Wie ich gehört habe, bist du vermählt?", riss mich Eleonore aus meinen Gedanken.
"Richtig gehört.", gab ich zurück.
"Ich auch.", sagte Eleonore traurig.
"Wie alt ist er?", fragte ich sie.
"Neunundzwanzig. Der von meiner Schwester Camille ist zwanzig und derjenige von meiner Schwester Ginevra ist sechsundzwanzig.", antwortete sie tonlos.
"Ist schon dumm, ein Mädchen zu sein, oder?", fragte Eleonore.
"Finde ich nicht. Ich bin sehr froh, ein Mädchen zu sein. Wenn ich ein Junge wäre, hätte ich meine Fähigkeiten nicht.", widersprach ich ihr.
"Du also auch?", fragte sie.
"Du auch? Von wem du? Von wem stammst du ab?", fragte ich sie neugierig.
Was mich wunderte war, dass sie von meiner Existenz als direkte Nachfahren von Merlin, dem Zauberer wuss-te. Ich hatte ziemlich viele Fähigkeiten. Ich konnte mit Tieren sprechen und konnte Wasser beherrschen und noch ein paar Dinge. Meine Schwester Beatrice beherrschte das Feuer.

"Ich stamme von einer Hexe ab, kann aber nicht all zu viel. Meine Schwestern Camille und Ginevra können auch nicht mehr als ich. Wir haben ungefähr das gleiche Niveau."

Obwohl wir uns erst seit den frühen Morgenstunden kannten, verstanden wir uns schon sehr gut. Fast so wie richtig gute Freundinnen.

Spät am Abend gingen wir, Eleonore, Camille, Ginevra, Beatrice und ich, essen. In einem eigens für uns neu gebauten Saal, in dem nur Mädchen hinein durften. Wir hatten uns alle schon am Morgen kennengelernt und uns auf Anhieb so gut verstanden, dass wir uns geschworen haben, Freundinnen zu werden. Wir waren alle vierzehn Jahre alt. Und obwohl Eleonore, Camille und Ginevra Drillinge sind, hatten sie nicht die geringste Ähn-lichkeit. Naja, was sollte ich sagen? Ich und meine Schwester Beatrice sahen uns ja auch nicht gerade ähnlich. Wir unterhielten uns über unsere Hobbys, über unsere tierischen Hobbys:
"Mein Hobby sind Hasen.", sagte Camille mit halb vollem Mund.
"Hast du einen?", wollte Beatrice wissen.
"Einen? Soll das ein Witz sein? Ich habe über zehn.", lachte Camille, inzwischen mit leerem Mund.
"Was ist dein Hobby, Beatrice?", wollte Ginevra wissen.
"Mein Hobby sind Vögel. Ich liebe Vögel.", entgegnete Beatrice.
"Beeindruckend. Verstehst du wirklich die Sprache der Vögel?", wollte Eleonore wissen.
"Ja. Ich, genauso wie meine Schwester.", lachte Beatrice.
"Ginevra, was ist dein Hobby?", wollte ich wissen.
"Mein Hobby? Mein Hobby sind Pferde.", sagte sie stolz.
"Hast du welche?", fragte ich weiter.
"Ja. Sehr viele. Was ist dein Hobby?", fragte Ginevra mich.
"Mein Hobby sind Wölfe und Hunde. Ich habe viele Wölfe großgezogen, aber habe auch eine menge Hunde.", sagte ich stolz.
Alles wurde still. Wölfe? Das konnte unmöglich ihr ernst sein, dachten sie. Was ich nicht wusste: Hier treibt sich, wie gesagt und gemunkelt wurde, ein Werwolf herum. Ich musste mir ein Lachen unterdrücken. Werwölfe? Die gibt’s bei uns auch. Doch das wollte ich nicht an die große Glocke hängen. Das musste schließlich nicht jeder wissen.
Ich wollte vom Thema ablenken und sagte:
"Eleonore, dein Hobby?"
"Katzen. In Bordeaux gibt’s hunderte.", lachte Eleonore.
Doch plötzlich unterbrach uns eine Hausdienerin.
"Verzeihen sie bitte die Störung, aber der Hausherr wünscht, dass sie ins Bett gehen."
"Mein Vater hat Recht. Ihr müsst erschöpft sein. Gehen wir zu Bett.", fügte Eleonore hinzu.
Ich bemerkte, dass Eleonore das Sagen der Drillinge hatte. Ihr wagte niemand zu widersprechen. Nicht mal die so wilde Ginevra.
Da bemerkte ich auch, dass ich wirklich sehr erschöpft war. Ein Wunder, dass ich noch nicht eingeschlafen war. Wir gingen in unsere Zimmer, begleitet von unseren Kammerzofen. Meine Kammerzofe sah sehr schlimm aus. Überall Prellungen und Schürfwunden. Doch ich wollte sie nicht darauf ansprechen. Sie war eher zurückhaltend und schüchtern, doch ich mochte sie. Doch ich wollte auch wissen, warum Eleonore und ihre Schwestern so entsetzt waren, als ich das Wort Wolf sagte. Oder reagierten sie so entsetzt auf das Wort Hund? Ich wusste es nicht. Und deshalb musste ich so viel wie möglich aus meiner Kammerzofe, Belle, herauskriegen.
"Sag mal Belle...", begann ich.
"Ja, Madame?", sagte sie schüchtern.
"Haben die Herrschaften angst vor Hunden oder Wölfen?", fragte ich.
"Ja. Aber ich kann es mir auch nicht erklären, Madame. Keiner von den Zofen und Hausdienern fürchtet Wer-wölfe, aber die Herrschaften des Hauses schon. Aber eigentlich darf ich ihnen gar nichts davon erzählen. Es ist uns strengstens untersagt. Also bitte Madame, machen sie mir keinen Ärger.", flehte sie.
"Gut. Danke!", sagte ich zum Abschied.
Ich ging alleine in mein Zimmer. Ich brauchte keine Zofe, um mich umzuziehen. Dann ging ich ins Bett.

Ich schlief schon eine ganze weile, als ich ein entsetzliches Wiehern der Pferde vernahm. Ich ging ans Fenster, von dem aus ich die Weide sehen konnte, auf der die Pferde nachts grasen. Sie rannten so schnell wie der Wind, orientierungslos und durcheinander. Doch plötzlich lag die weise Stute am Boden und etwas stand neben ihr. Das Fell der Stute hatte sich inzwischen rot verfärbt. Rot, wie blut. Dann rannte das Ding, was auch immer es war, an den Pferden vorbei, die noch immer vor Angst orientierungslos umherliefen, und bewegte sich auf mich zu. Es hatte mich bemerkt. Ich hatte keine Angst, obwohl ich nicht wusste, was es war. Ich hatte vor nichts Angst. Es näherte sich mir immer schneller. Inzwischen auf vier Pfoten. Es schien so etwas Ähnliches zu sein wie ein Affe, aber es war dann doch keiner, wie sich herausstellte. Es war nur noch wenige hundert Meter vom Schloss entfernt. Dann sprang es und landete vor meinem Fenster. Ich hatte immer noch keine Angst. Jetzt habe ich das Ding erkannt. Es war ein Werwolf. Ein Werwolf mit blutverschmierten Krallen und Mund. Die Zähne fletschend sah es mich an. Es sah mich voller Hass an. Voller Hass mit seinen gelben, durchdringlichen, mit Hass erfüllten Augen. Er wollte mir Angst machen. Doch ich, die Nachfahrin Merlins, hatte doch vor einem Wolf keine Angst. Noch dazu vor einem Werwolf. Als der Werwolf das bemerkte, sah er mich schon etwas ver-dutzt an, dann füllten sich seine Augen mit Liebe. Ich konnte genau hören, was er dachte:
"Du bist die einzige, die vor mir keine Angst hat, ich danke dir und möchte dich warnen: Etwas wird kommen und euch alle töten."
Dann war er weg. In der Ferne hörte man sein heulen und es sagte etwa so viel: Hüte dich, kleine Fremde, hüte dich!
Ich musste noch lange überlegen, doch dann legte ich mich wieder ins Bett und hatte einen Traum. Einen Traum, der die Zukunft voraussagte.

Doch ich sollte nicht lange träumen: Die Feuerglocke klingelte und ich musste mich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen, denn ich wollte nicht sterben. Nicht so. Nicht verbrannt werden wie eine Hexe. Das lies mein Stolz nicht zu. Wir, Eleonore, Ginevra, Camille, Beatrice und ich, versammelten uns vor dem Schloss. Wir wun-derten uns, dass es nicht brannte und sonst keiner herauskam, um sich zu retten. Nach einer weile des War-tens hatten wir genug und wollte wieder hineingehen, doch wir konnten uns nicht bewegen. Plötzlich waren wir alle so erschöpft, und schliefen ein.
Als wir wieder aufwachten, waren wir nicht mehr vor dem Schloss er de Cazerons, sondern, so schien es, in einer anderen Welt. Es war hier alles blau. Von der Blume bis hin zur Sonne.

Da kam ein riesiges Wesen auf uns zu. Es war noch hunderte von Kilometern von uns entfernt, doch, wenn es noch so weit weg war, warum konnten wir es sehen? Es musste riesig sein.
Wir liefen auf einen Berg zu und versteckten uns in einer Höhle. Und das Ende vom Lied war, dass wir den Ausgang nicht mehr fanden und es fünf verschiedene Gänge gab.
Wir beschlossen, dass jeder in einen anderen Gang ging, denn, wenn der Riese fort war, konnte uns ja nichts mehr passieren, so dachten wir jedenfalls.
Komischerweise war über jeden Gang ein Zeichen eingraviert.
Auf jeden Fall gingen wir in dieser Reihenfolge in die Gänge:
Den ganz linken nahm meine Schwester Beatrice – den daneben nahm Camille – den daneben ich – den daneben Eleonore und den daneben Ginevra.
Über Beatrices Gang war ein Vogel eingraviert. Über Camilles Gang ein Hase. Über meinem ein Wolf. Über Ele-onores eine Katze und über Ginevras ein Pferd.
Das erschien mir zunächst merkwürdig, doch dann kümmerte ich mich nicht weiter darum, denn die anderen bemerkten es nicht und ich wollte nicht, dass sie sich fürchten.

Beatrice ging, so unerschrocken sie war, in ihren Gang. Sie hatte nur angst, dass jede Minute ein Mensch, ein-gewickelt in Spinnweben, von der Decke stürzte, genau vor ihr. Das war das einzige, von dem Beatrice Angst hatte. Denn so hatte sie es in der Sage von Arac Attack gehört. Doch es sollte etwas Schlimmeres mit ihr geschehen...
Sie ging also weiter. Zielstrebig, unerschrocken, ohne furcht. Doch dann, ganz plötzlich und unerwartet, stieß sie einen Schrei aus. Wovor hatte sie Angst? Was war passiert? Diese Fragen stellte ich mir, währenddessen ich vor meinem Gang wartete. Wir hatten ausgemacht, dass wir immer nach der Reihe gingen.
Beatrice saß zusammengekauert in einer Ecke der Höhle. Sie hatte Angst, und ich konnte nichts machen. Nichts. Nada. Überhaupt nichts. Es war nicht mehr zum Aushalten. Aber ich durfte ihr nicht helfen. Aber wenn sie gerade von einem riesigen Monster angegriffen wird? Wenn sie verletzt ist und über einer Schlucht hängt und jede Minute zum Fall kommt? Ich malte mir die Schlimmsten Dinge aus, doch die anderen schafften es, mich zu beruhigen.
Beatrice sah sich nicht um, sie saß nur da und hoffte, das Ding, das sie gesehen hatte, würde nie wieder kom-men. Sie betete, dass das Ding nicht wiederkommt. Doch was sollte sie machen? Sie war allein. Allein und hilflos. Ein kleines Ding in einer Höhle, die aussah, wie ein Labyrinth. Doch da. Sie lauschte. Was ist das? Ist es wieder da? Sie machte ihre Augen einen Spalt weit auf und was sah sie? Sie sah zwei glasgelbe Augen, die ihre Augen anstarrten. Ihr entfuhr ein Schrei. Sie stieß das Ding weg. Sie wollte seine Augen nicht mehr sehen. Sie hatte Angst, sie wollte hier raus, schrie um Hilfe, doch ihre Stimme versagte. Sie richtete sich langsam auf. Sie hatte unbändige Angst, doch was sollte sie machen? Wenn sie nur wüsste, was es für ein Ding wäre. Ein Lebe-wesen oder ein Geist. Ein Engel oder ein Dämon? Nein, ein Engel war es gewiss nicht. Es konnte fliegen. Als sie es wieder sah, steuerte es direkt auf sie zu und landete direkt vor Beatrices Füßen. Sie wunderte sich, und hatte doch Angst. Es war kleiner als sie.
"Wer, wer bist du?", sagte sie ängstlich.
"Ein Geist.", flüsterte er ihr ins Ohr.
Ein Geist, gut, dachte sie. Mit Geistern habe ich schon mal zu tun gehabt. Sie wollte gerade beginnen, doch sie wurde vom Geist unterbrochen.
"Die einzige Möglichkeit hier wieder rauszukommen, ist ein Geist zu werden.", kaum hatte er das gesagt, flog er auf Beatrice zu und durchbohrte ihr Herz mit einem messerartigen Gegenstand. Sie war sofort Tod. Ihre Leiche lag da. Doch sie stand, nein, sie flog. Sie konnte ihren Körper genau sehen. Doch wie konnte es sein, dass sie jetzt noch lebte?
"Jetzt kannst du gehen. Du bist ein Geist. Deine Leiche bleibt hier.", sagte das Ding und trat ins Licht, dass sich im Wasser spiegelte.
"Du bist ja ein Adler!", war sie entsetzt.
"Wie konntest du mich trotzdem töten? Du hast keine Hände, um einen spitzen Gegenstand zu nehmen!", sagte sie.
"Ich bin ein Geist, ich kann alles, was ich will, und das kannst du jetzt auch!", lachte er und deutete auf eine Tür am Ende des Ganges, dann war er weg und Beatrice war frei. Sie war zwar ein Geist, doch sie konnte alles machen, was sie wollte, jetzt musste sie nur noch auf ihre Freundinnen warten.

"Ich gehe jetzt", sagte Camille und ging in ihren Gang.
Sie hatte jetzt schon Angst. Sie sah nichts. Es war stockdunkel. Sie ging ängstlich weiter. Sie wusste nicht, wohin sie ging. Plötzlich gab der Boden unter ihr nach und sie fiel nach unten, doch sie sollte nie aufkommen. Sie fiel ins so genannte Fass ohne Boden. Sie fiel immer weiter, und es war dunkel. Doch dann sah sie etwas, als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie sah zwei rote Augen, die von einer Seite der Wand zur Anderen hüpften. Was konnte das sein? Doch sie dachte nicht länger darüber nach, denn sie fiel in Ohn-macht. Sie war schließlich schon einige Kilometer unter der Erdoberfläche und ihr Körper hielt so einem immen-sen Druck nicht aus. Als sie wieder zu sich kam, lag sie in einem Haus. Das Haus erinnerte sie an die alten Märchen von Alice im Wunderland. Doch das konnte unmöglich sein.
Da bemerkte sie, dass sie schwebte. Das erschien ihr noch unmöglicher als die Geschichte von Alice. Sie be-schloss kurzer Hand, dass sie noch immer träumte. Das war für sie die einzig mögliche Erklärung. Was konnte es sonst sein? Das Reich der Toten?
Da sah sie ihren Körper liegen. Da unten und sie war da oben. Jetzt bin ich wirklich verrückt, dachte sie. Da kam eine Gestallt ins Haus, sie war nicht sehr groß. Sie ging ihr gerademal bis hin zum Knie.
"Bist du endlich aufgewacht?", wollte es wissen.
Camille antwortete nichts. Auf einmal sah die Gestallt zu Camille hoch. Es wusste, dass sie nicht da unten war, sondern hier oben. Jetzt erkannte Camille, was es war. Es hatte Ähnlichkeit mit einem Hasen, doch es war viel, viel größer als die Hasen, die sie kannte.
"Warum bin ich hier oben und doch da unten?", fragte Camille.
"Du bist tot. Du da oben bist nur ein Geist. Sieh dich doch mal an. Du kannst fliegen!", lachte es.
"Wo bin ich?", fragte Camille.
"Du fragst, wo du bist?", lachte der Hase. Er kam auf sie zu. Sie fürchtete sich nicht vor ihm. Doch auf einmal wurde es riesengroß. Mit sehr langen Zähnen und furchtbar blutrünstigen Augen. Mit einem schwarzen Fell, dass ansonsten weiß war. Es war jetzt so groß, dass Camille zu ihm hinaufsehen musste, obwohl sie schon schwebte. Sie floh. Und sie nahm die richtige Tür nach draußen, denn es gab drei Türen. Sie näherte sich dem Licht am Ende des Tunnels.
Als sie endlich draußen war, sah sie Beatrice schweben.
"Was ist mir dir passiert?", fragte Beatrice.
"Ach nichts weiter. Ich war nur bei Alice im Wunderland und ein völlig verrückter Hase hat mich umgebracht und wollte meinen Geist fressen. Und was ist mit dir passiert?", fragte Camille.
"Mich hat nur ein kleines Vöglein auf dem Gewissen, nichts weiter.", seufzte sie.

"Ich bin dran!", sagte ich mutig. Keiner der anderen beiden hat auch nur ein sterbens Wörtchen von sich hören lassen. Sie waren wahrscheinlich beide tot.
Ich ging hinein. Hinein in die Höhle, die schon meine Schwester und meine Freundin auf dem Gewissen hatte.
Doch eins kam mir komisch vor. Ich konnte sehen. Ich konnte sehen, obwohl es stockdunkel war. Doch ich kümmerte mich nicht weiter darum. Ich musste schließlich lebend hier raus kommen. Alles andere zählte nicht. Doch da! Was war das? Ich hörte ein Knurren, das immer weiter auf mich zukam. Aber ich, die Nachfahrin Mer-lin des Zauberers, hatte keine Angst. Es war jetzt ungefähr noch 20 Meter hinter mir. Als ich mich umdrehte, sah ich wieder diese Augen. Diese gelben Augen, die mich voller Hass anstarrten und inne hielten. Es schnaufte mich an. Der Werwolf schnaufte mich an. Ich hatte mich geirrt. Es war nicht der Werwolf, den ich im Schloss traf, sondern so etwas Ähnliches wie der böse Bruder des Werwolfes. Es wollte mich töten, das konnte ich spü-ren, an der Art wie er mich ansah, wie er die Zähne fletschte, an der Art, wie er seine Krallen hielt und an sei-ner Körperhaltung. Das alles hatte ich schon mal gesehen. Ich sah ihn an, ohne auch nur ein Fünkchen Angst zu zeigen. Ich wusste, dass er im Begriff war, mich zu töten, aber warum machte er es nicht? War ich ihm zu Schade? Nein! Ganz gewiss nicht. Ich bewegte mich nicht, weil ich wusste, dass er, wenn ich mich auch nur ein einziges Mal bewegte, zuschlagen würde. Mir seine scharfen Krallen in meinen Bauch rammen würde und er meinen Kopf von meinem Körper trennen würde. Ich wollte zwar sterben, aber wollte auch nicht von einem kleinen Wolf, noch dazu von einem Werwolf getötet werden. Das ließ mein Stolz nicht zu. Er ließ es nicht zu. Er heulte. Dann sah ich nur noch, dass von allen Seiten auf uns, mich und den Wolf, Messer zuschnellten und wir nicht auswichen. Wir sahen dem Tod ins Auge, und ich war froh, nicht von einem kleinen Wolf getötet zu wer-den. Das hörte sich zwar dumm an, denn es war ja schließlich egal, ob man von Krallen oder von Messern durchbohrt wurde, es war ja das Selbe, oder zuminderst fast das Selbe. Ich verspürte keine Schmerzen. Ich sah immer nur ihn an, den Wolf, der mich töten wollte und am Schluss selbst mit mir gestorben war. Ich wusste, dass mein Geist diese Höhle verlassen musste. Ich sah meinen und den Leichnam des Tieres da unten liegen, und es war mir egal. Denn ich wusste, dass der Wolf im Himmel war, weil er mich nicht getötet hatte, und das genügte mir. Ich flog ans Ende des Tunnels und meine Schwester warf sich mir weinend in die Arme.
"Ich bin durchbohrt worden!", lachte ich, als mich meine Schwester fragte, wie ich gestorben sei.

"Angst!", sagte Eleonore nur, als sie durch den Gang ging, bereit zu sterben. Nach außen hin machte sie einen starken Eindruck, doch innerlich brodelte es nur so vor Angst. Auf einmal wurde es hell. Da sah sie Katzen. Unmengen von Katzen. Es waren bestimmt hunderte, nein, tausende. Und alle schwarz, schwarz wie die Nacht. Alle hatten sie gleißend gelbe Augen. Diese Augen mochte sie nicht, und doch, überall, wohin sie schaute, starr-ten sie diese Augen an, sie verfolgten sie richtig. Sie lief immer weiter in den Gang, dann fand sie sich vor ei-nem Haus wieder, und auf einmal trat ein Kater, der Aufrecht ging und Schuhe trug, vor sie. Er schwenkte seinen Hut und verbeugte sich vor ihr.
"Isch bin dér gestiefelte Katér, mein Fréulain.", sagte er mit französischem Akzent. Eleonore musste sich das Lachen unterdrücken, denn es wäre sehr unhöflich gegenüber einem Gentleman, oh, Verzeihung, gegenüber einem Getlekater, zu lachen. Als der Kater das bemerkte, wurde er rasend vor Wut. Er rief seine Frauen, die alle sogleich herbeistürmten. Es waren jene Katzen, vor denen sie gerade weggelaufen war. Der Kater befiel seinen Frauen, das Mädchen zu töten, und sie machten sich gleich ans Werk. Nach einigen schmerzhaften Stunden, war sie erlöst. Erlöst vom Schmerz. Doch die Katzen wollten auch ihren Geist töten. Doch sie wollte nicht endgültig von dieser Welt verschwinden. Sie wollte leben. Sie wollte doch nur leben. Der gestiefelte Kater bemerkte dies und pfiff seine Frauen zurück. Doch nicht, um sie zu retten, sondern um sie selbst zu töten. Er holte einen langen Degen aus seinem Degenhalter und begann nach ihr zu schlagen. Doch sie wich immer ge-schickt aus. Als sie in einer Ecke in der Falle saß und sie schon mit ihrem Leben abgerechnet hatte, kam Ginev-ra auf einem Pferd geritten und packte sie und zog sie mit sich.
"Ginevra...woher wusstest du?!", wunderte sich Eleonore.
Ich war schon in meinem Gang und Spirit, mein treuer Freund hier, hat mich zu dir gebracht. Da sieh nur, Licht, und da sind auch die anderen!", freute sie sich.

Als sie draußen angekommen sind, fragten die anderen Eleonore und Ginevra, wie sie gestorben sind:
"Ich bin von Katzen zerkratz worden!", lächelte Eleonore.
"Und ich bin von Pferden zertrampelt worden! Und ihr?", lächelte Ginevra.
Ich bot ihnen eine kleine Zusammenfassung:
"Beatrice ist von einem Vogel getötet worden, Camille ist von einem kleinen Kaninchen umgebracht worden, mich haben Messer durchbohrt, Eleonore ist von Katzen getötet worden und Ginevra ist von Pferden zerstampft worden."

Von diesem Tag an lebten wir in diesem Traumland für uns allein und niemand konnte mehr über uns bestim-men, nur noch wir selbst.

Ende

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